Kolumbien-aktuell No. 555 und Monatsbericht | Januar 2016

Liebe Leserinnen und Leser

 Diesen Monat stellen wir eine Studie vor, die zeigt, dass es Alternativen zur Agroindustrie gibt. Zudem geht es um den Rücktritt des Ombudsmannes für Menschenrechte und die Wirtschaftskrise in Kolumbien.

 Solidarische Grüsse aus der Redaktion!

 I.  Artikel

Studie belegt: In den Llanos ist kleinbäuerliche Landwirtschaft möglich und rentabel

Im Monatsbericht 12/2015 haben wir über die Sonderzonen für die soziale und wirtschaftliche ländliche Entwicklung ZIDRES berichtet, die eher einseitig auf die Agroindustrie ausgerichtet sind und Kleinbauern und Kleinbäuerinnen nur in Allianz mit dem Kapital nicht aber als eigenständige Wirtschaftssubjekte sehen. Dass es auch anders geht, beweisen zehn Kleinbauernfamilien, die sehr diversifizierte Familienhöfe aufbauten, wie eine Studie der Universidad Javeriana zeigt.     

(Von Stephan Suhner)

http://www.askonline.ch/themen/natuerliche-ressourcen-und-agrarfrage/laendliche-entwicklung-und-agrarreform/fincas-campesinas-in-den-llanos/

Rücktritt des obersten Ombudsmannes für Menschenrechte

Eine Anzeige wegen sexueller Nötigung am Arbeitsplatz ist zurzeit in allen kolumbianischen Medien. Angeklagt ist der höchste Beamte für Menschenrechte, der Direktor der Defensoría del Pueblo, Jorge Armando Otálora. Entgegen seiner anfänglichen Aussagen musste er bald zurücktreten. Die Berichterstattung über den Fall in den kolumbianischen Medien zeigt einen befremdlichen Fokus auf Schönheit, Alter und Karriere. Die strukturelle Geschlechtergewalt dahinter wird grösstenteils ignoriert.

(Von Regula Fahrländer)

http://www.askonline.ch/themen/menschenrechte/analysen-und-berichte-der-ask/ruecktritt-des-obersten-ombudsmannes-fuer-menschenrechte/

II. Monatsbericht: Wirtschaftskrise, umstrittene Privatisierung und Proteste zu Jahresbeginn

Wirtschaftlich begann das neue Jahr in Kolumbien unter keinem guten Stern. Die tiefen Rohstoffpreise – darunter Erdöl als eines der wichtigsten Exportgüter –  führten zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Kennzahlen und einer starken Abwertung des Pesos. Das Jahr 2016 droht in wirtschaftlicher Hinsicht noch schwieriger zu werden als des eben vergangene. Verschiedene Massnahmen der Regierung Santos haben zudem Ende Jahr und in den ersten Januartagen für zusätzlichen Unmut gesorgt: die Erhöhung des Mindestlohnes viel sehr gering aus, es drohen verschiedene Steuererhöhungen und zu allen hinzu kam der Verkauf des Elektrizitätsunternehmens Isagen. Dieser rentable Staatskonzern wurde zu schlechten Konditionen gegen die Opposition der meisten sozialen Bewegungen und vieler politischer Sektoren verkauft. Alle drei Gewerkschaftszentralen, die indigenen und kleinbäuerlichen Bewegungen und viele weitere soziale und politische Sektoren planen deshalb einen zeitlich unbefristeten nationalen Streik.

(Von Stephan Suhner)

http://www.askonline.ch/publikationen/monatsberichte/wirtschaftskrise-umstrittene-privatisierung-und-proteste/

III.Apropos

Überfall und Informationsdiebstahl im Büro von Tierra Digna

In der Nacht vom 20. Januar sind unbekannte Personen in die Büroräumlichkeiten von Tierra Digna eingedrungen und haben den Computer einer der Gründerinnen der Organisationen geraubt. Gezielt wurde der Laptop mit wichtigen Informationen entwendet, andere Computer blieben unberührt.

Tierra Digna ist eine Menschenrechtsorganisation, die sich im Umfeld von industriellen Aktivitäten, der Förderung und des Abbaus natürlicher Ressourcen stark macht. Dieser Informationsdiebstahl ereignet sich in einem wichtigen Moment, da sie die Begleitung der Gemeinschaften im Cesar sowie öffentliche Anhörungen zur Umweltsituation im Umfeld der Prozesse, mit denen Drummond und Glencore die Ausdehnung ihrer Kohleminen anstreben, vorbereiten. Ebenso sind sie an den Vorkehrungen eines Besuchs des Verfassungsgerichtes im Departement Chocó im Rahmen des juristischen Prozesses, der durch eine Grundrechtsklage (tutela) zur Verteidigung der Rechte der ethnischen Gemeinschaften entlang des Atrato-Flusses aufgenommen wurde sowie an der Bereitstellung von Anfragen zur Durchführung von Anhörungen vor der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, beteiligt.    

Die Mitarbeiterinnen von Tierra Digna werden immer wieder Opfer von Beschattung und Verfolgung, Abhörungen der Telefongespräche und anderer Kommunikationsformen. Die Behörden und der Staat Kolumbien werden dringend dazu aufgerufen, Sicherheitsgarantien und Schutz für ihre Arbeit zur Verteidigung der Menschenrechte zu gewähren.

http://tierradigna.org/

Farc und Regierung bitten um Hilfe seitens der UNO und Celac bei der Überwachung der Waffenruhe

Bei den Friedensverhandlungen haben sich die kolumbianische Regierung und die Farc-Rebellen darauf geeinigt, den UNO-Sicherheitsrat um eine politische Beobachtermission zu bitten. Dieser erste Punkt des Traktandums “Ende des Konfliktes”, welches seit dem 12. Januar 2016 verhandelt wird, haben sie am 19. Januar bekannt gegeben. Diverse AnalystInnen und auch Chefunterhändler de la Calle und Iván Márquez, interpretieren dies als Zeichen, dass nun, da die Parteien von einer endgültigen Waffenruhe reden, ein Abkommen in greifbarer Nähe sei.

Internationale, unbewaffnete BeobachterInnen aus Mitgliedstaaten der Celac, die Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten, sollen zusammen mit der Regierung und der Farc ein dreigliedriges Gremium bilden, welches die Einhaltung der Waffenruhe und die Niederlegung der Waffen der Rebellen während zwölf Monaten nach Unterzeichnung der Abkommen beaufsichtigen. Die UNO-Mission soll dem Gremium vorsitzen und die Koordination übernehmen. Nebst Waffenruhe und Niederlegung der Waffen zu garantieren, ist seine Aufgabe, Vertrauen in die Abkommen aufzubauen, Unstimmigkeiten zu schlichten, Empfehlungen abzugeben und Berichte zu präsentieren. Die 15 Länder des Sicherheitsrates haben die Anfrage der kolumbianischen Regierung bereits einstimmig angenommen und die einzelnen Punkte akzeptiert.

https://www.mesadeconversaciones.com.co/comunicados/comunicado-conjunto-65-la-habana-19-de-enero-de-2016 http://static.elespectador.com/archivos/2016/01/963987597b9aa7ce6980a2738d7108f6.pdf

Erstes Syndikat für SexarbeiterInnen

Seit Ende Jahr gibt es in Kolumbien das erste Syndikat für SexarbeiterInnen, namentlich das Sindicato Nacional de Mujeres Trabajadoras Sexuales de Colombia, Sintrasexco. Die Gründung des Syndikats wurde von 28 Frauen aus Bogotá angeregt, hauptsächlich um der Gefährdung bei der Ausübung ihres Berufes entgegenzuwirken und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Unterstützt und beraten wurde die Gründung von Sintrasexco von CTC, dem Arbeiterverband Kolumbiens.

Der Verfassungshof in Kolumbien hat bereits 2010 anerkannt, das Sexarbeit eine würdevolle Arbeit ist. Dennoch ist die Diskriminierung, auch von Staatsangestellten, weiterhin omnipräsent. Auch über Morde und andere Menschenrechtsverletzungen wird immer wieder berichtet.

Vorerst wird das Syndikat nur einen Ableger in Bogotá haben, geplant ist aber die Erweiterung auf andere Städte wie Cali, Bucaramanga, Cartagena, Medellín und Pasto. Erste Treffen mit Gesundheitsangestellten, Polizei und Medienschaffenden haben bereits stattgefunden, um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen anzugehen.

http://www.eluniversal.com.co/colombia/se-crea-el-primer-sindicato-de-trabajadoras-sexuales-en-colombia-214810

Tragische Bilanz für MenschenrechtsverteidigerInnen

Laut dem neusten Bericht von Front Line Defenders wurden in Lateinamerika zwischen Januar und November 2015 87 MenschenrechtsverteidigerInnen ermordet, 54 davon in Kolumbien. Dies ist eine Zunahme um 15% gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen waren AktivistInnen, die sich für die Rechte der Indigenen, die Umwelt und die Landrückgabe einsetzten, an erster Stelle im Zusammenhang mit Bergbauprojekten. An zweiter Stelle befinden sich all jene, die sich für die Rechte der LGBTI-Gemeinschaft, die Medienfreiheit und Frauenrechte einsetzten.

Dazu kommt die totale Straflosigkeit, welche die Fälle von Übergriffen, Bedrohungen, Belästigungen und Stigmatisierung umgibt. Dies und die Tatsache, dass immer mehr Regierungen weltweit repressive Gesetze gegen MenschenrechtsverteidigerInnen erlassen, sind globale Tendenzen.

http://www.contagioradio.com/54-defensores-de-derechos-humanos-fueron-asesinados-en-colombia-durante-2015-articulo-19057

Neues Gesetz für Säureangriffe

Am 6. Januar 2016 hat Präsident Santos das neue Gesetz für Säureangriffe in Kraft gesetzt. Damit werden Säureangriffe künftig als eigenständiger Strafbestand aufgeführt. Konkret kann sich damit die Haftstrafe bis auf 50 Jahre belaufen, der Kauf von Säure wird erschwert und die Opfer sollten besser betreut werden, medizinisch wie psychologisch.

Die Durchsetzung des Gesetzes wurde auch aufgrund des öffentlichen Drucks und der Stiftung Natalia Ponce de Léon erreicht. Natalia Ponce wurde vor zwei Jahren selber Opfer eines Säureangriffs bei dem sie an einem Drittel ihres Körpers Verbrennungen erlitt. Seither musste sie zwanzig Operationen über sich ergehen lassen, setzt sich aber gleichzeitig unermüdlich für die Anliegen Betroffener ein und gibt diesen ein Gesicht.

http://www.eltiempo.com/politica/gobierno/aprobada-ley-contra-los-ataques-con-acido/16474524

Korrigendum

Im letzten Newsletter (Dezember, No. 554) hat das Apropos „Die Farc bittet um Verzeihung für das Massaker von Boyacá“ einen Fehler enthalten: Der Ort des Massakers heisst Bojayá. Boyacá hingegen ist ein Departement im Nordosten von Bogotá.  

IV. Tipps und Hinweise

La tierra y la sombra – Filmvorführung in der Cinematte

Die Regionalgruppe Bern der ask! organisiert einen Filmanlass in der Cinematte. La tierra y la sombra erzählt die Geschichte von Alfonso, der nach 17 Jahren auf sein Grundstück zurückkehrt. Dabei trifft er nicht nur auf seine Vergangenheit und seine Familie, sondern auch auf eine apokalyptische Landschaft. Das Haus ist von Zuckerrohrplantagen umgeben, kontinuierlicher Aschenregen ist die Folge. Zur Suche nach einem Platz in der Familie kommt der Kampf für ein würdevolles Leben.

Montag, 7. März, 20.30 Uhr, in der Cinematte (Wasserwerkgasse 7, Bern).

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=xHjr1BV9kok

Geplatzte Träume – Lesung aus “Bodenschätze: Landvertreibung“

Der Autor Jann Duri Bantli liest im Romerohaus aus seinem politischen Reisebuch „Bodenschätze: Landvertreibung“. Darin berichtet er aus Sicht der Bewohner und Bewohnerinnen des kolumbianischen Dorfes El Hatillo über den Bergbau, der einst für Arbeit, Fortschritt und Wohlstand versprach. Heute ist der Traum geplatzt: Die Landschaft ist verschmutzt, viele Menschen sind krank, die lukrativen Arbeitsplätze gehen vor allem an auswärtige Arbeiter. 50’000 Menschen wurden vertrieben, über 3’000 starben. Doch wer ist für das Fiasko verantwortlich?

Dienstag, 23. Februar 2016, 19.30 Uhr. Eintritt: Fr. 15.- | 12.-

RomeroHaus Luzern, Kreuzbuchstrasse 44, 6006 Luzern

http://assets.comundo.org/downloads/v160223_geplatze_traume_jann_duri_bantil_def.pdf

El abrazo de la Serpiente – kolumbianischer Film in Schweizer Kinos

Zwei Forscher dringen ins Innerste des Amazonas vor: Der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grunberg im Jahr 1909, der nordamerikanische Botaniker und Abenteurer Richard Evan Schultes im Jahr 1940. Begleitet werden beide vom gleichen Schamanen, der selber der einzige Überlebende eines ausgelöschten Stammes ist und sie je zum Ziel ihrer Wünsche führen soll: Sie suchen eine im Urwald verborgene Wunderpflanze.

Ab 28. Januar im Kino in Zürich, Aarau, Baden, Basel, Bern, Chur, Dübendorf, Heerbrugg, Klosters, Luzern, Olten, Solothurn, St. Gallen, Thun, Visp, Winterthur.

http://www.trigon-film.org/de/movies/Embrace_of_the_serpent

On-line Petition: Wasser für Tamaquito

Als Reaktion auf den Film La buena vida – Das gute Leben über die Umsiedlung durch Tamaquito wurde in Deutschland eine Petition auf der Petitions-Seite von Avaaz erstellt. Sie heißt: Glencore (Schweiz), Bhp Billiton Group (Australien), Anglo American (UK): Dringend: Wasser für Tamaquito, Kolumbien.

Die Petition ist mit der Gemeinschaft Tamaquito abgesprochen und wir hoffen, dass wir mit eurer Hilfe wirklich etwas bewegen können!

Hier könnt ihr mehr erfahren und auch direkt unterschreiben:
https://secure.avaaz.org/de/petition/Glencore_Schweiz_Bhp_Billiton_Group_Australien_Anglo_American_UK_Dringend_Wasser_fuer_Tamaquito_Kolumbien/?launch
Bitte leitet den Link zur Petition nach dem Unterschreiben auch an eure Freunde weiter.

Campaign Bootcamp

Campaign Bootcamp Switzerland ist eine sechstägige Weiterbildung an der die Teilnehmenden lernen, wie erfolgreiche Kampagnen entwickelt und durchgeführt werden. Im Rahmen eines Mentoring- und Unterstützungsprogramms werden sie anschliessend ein Jahr lang von erfahrenen Kampagnen-Profis begleitet.

Das nächste Campaign Bootcamp findet vom 11. bis 16. September 2016 statt. Die Ausschreibung läuft bis 29. Februar 2016. Für Bewerbung und weitere Informationen: http://www.campaignbootcamp.ch/

 Redaktion: Regula Fahrländer

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