Kolumbien-aktuell No. 599 und letzter Monatsbericht | Januar 2020

Das neue Jahr hat in Kolumbien leider nicht viel anders angefangen, als es aufgehört hat. Es gab im ersten Monat bereits wieder viel zu viele Morde an MenschenrechtsverteidigerInnen und sozialen Führungspersonen. Allerdings wollen wir nicht alles immer nur schwarz malen, und haben deshalb vor, in diesem neuen Jahr immer wieder hoffnungsvolle und motivierende Geschichten in den Newsletter einzubetten, die es durchaus auch gibt. So beispielsweise die Unermüdlichkeit und Widerstandsfähigkeit der Kakaobauern in Huisitó. Auch in Bogotá hat das neue Jahr mit einer Bürgermeisterin, die auf den Frieden und die Wiedergutmachung setzt, mit Hoffnung begonnen.

I.  Artikel

Die Konstruktion des internen Feindes: illegale Abhöraktionen des Militärgeheimdienstes aufgedeckt

Mitte Januar publizierte die Zeitung Semana einen Artikel, in dem sie illegale Abhöraktionen, welche das Militär durchgeführt hatte, ans Licht brachte. Whistleblower des militärischen Geheimdienstes haben enthüllt, dass die Zielpersonen der Spionage Journalisten, Politiker der Opposition und Richter des obersten Gerichtshofes waren.

(Von Lisa Alvarado)

https://www.askonline.ch/themen/menschenrechte/die-konstruktion-des-internen-feindes-illegale-abhoeraktionen-des-militaergeheimdienstes-aufgedeckt

Droht Bojayá nach 17 Jahren eine erneute humanitäre Tragödie?

17 Jahre nach der Tragödie von Bojayá, wo fast hundert Personen bei Kämpfen zwischen den FARC und Paramilitärs umkamen, besteht der paramilitärische Terror weiter und dehnt sich sogar wieder in weitere Gemeinden und kollektive Territorien des Chocó und des Mittleren und Unteren Atrato-Flusses aus. Die Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz machte am 30. Dezember 2019 die Zunahme paramilitärischer Kontrolle durch die AGC öffentlich. Die verstärkte paramilitärische Präsenz führte zu massiven Vertreibungen und im Cacarica zu einer totalen Kontrolle der Paramilitärs, davon ausgenommen war lediglich die humanitäre Zone Nueva Esperanza. Justicia y Paz denunzierte auch die Zählung sämtlicher Kinder und Jugendlicher im ganzen Bajo Atrato, verbunden mit dem Verteilen von Weihnachtsgeschenken. Die AGC warnte die Bevölkerung unter Androhung von Mord oder Vertreibung, niemandem davon zu erzählen.

(Von Stephan Suhner)

https://www.askonline.ch/allgemein/droht-bojaya-nach-17-jahren-eine-erneute-humanitaere-tragoedie 

II.  Monatsbericht

Kakao statt Koka – Resistenz im Cauca

Im Rahmen einer Serie zum Thema Menschenrechte im Kontext des Postkonflikts hat VerdadAbierta eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, welche den Alltag und die Lebensrealität von Menschen auf dem Land zeigen. Eine dieser Geschichten  wird hier präsentiert. Es geht um Widerstand und Hoffnung, aber auch um Resignation und die komplexe Realität in abgelegenen Gebieten Kolumbiens.

(Von Lisa Alvarado)

https://www.askonline.ch/feature/kakao-statt-koka-resistenz-im-cauca

III. Apropos

Erste Proteste im neuen Jahr:

Am 21. Januar wurden die Proteste gegen die neoliberale Regierung Duque wieder aufgenommen. Es fanden weitere Kundgebungen, „cacerolazos“ wie auch Demonstrationen statt. Zu den bisherigen Protestgründen kamen neu besonders auch Probleme staatlicher Repression auf die Agenda. Dazu gehört das kürzlich aufgedeckte illegale Überwachungssystem des Militärs (siehe Artikel weiter oben), die Ermordung von statistisch gesehen einem Aktivisten pro Tag, illegale Hinrichtungen von Zivilisten sowie die Brutalität des ESMAD.

Neu ist auch, dass in Bogotá, Medellín und Cali jetzt progressive BürgermeisterInnen im Amt sind. Alle drei hatten angekündigt, den Einsatz von ESMAD-Einheiten auf ein Minimum zurückzuschrauben. López hatte in Bogotá die friedlichen Demos gegen Duque offen befürwortet und im Nachhinein bestätigt, dass ihre Deeskalationsstrategie funktioniert habe, nur an drei Orten hätten Vandalen den Einsatz des ESMAD erzwungen. Oppositionelle sahen dies nicht ganz so rosig. Zwar sei ihr Ansatz lobenswert, habe aber nicht uneingeschränkt funktioniert. Die Polizei habe in mehreren Fällen nicht auf López gehört und trotzdem mit Repression auf die Proteste reagiert.

https://amerika21.de/2020/01/236787/erste-proteste-2020-kolumbien?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=daily

https://colombianoindignado.com/claudia-lopez-defiende-protestas-y-asegura-la-existencia-de-infiltrados-en-las-marchas/

Neue Morde an sozialen Führungspersonen:

Leider hat das neue Jahr wiederum mit Morden an der Zivilgesellschaft begonnen. Laut Indepaz 30 Morde an MenschenrechtsverteidigerInnen und sozialen Führungspersonen im ersten Monat, sowie 5 ehemalige FARC-Mitglieder. Während Präsident Duque in seiner Neujahrsansprache gesagt hatte, die Anzahl Morde an sozialen und politischen Führungspersonen sei im 2019 zurückgegangen, bezweifeln dies mehrere Nichtregierungsorganisationen. So sagt Camilo Gonzalez Posso von Indepaz, dass die Regierung bloss über unklare Ziffern verfüge und die Situation in mehreren Departementen momentan sehr ernst sei. Ein vorläufiger Bericht der Vereinten Nationen zu den Menschenrechten in Kolumbien hat zudem darauf hingewiesen, dass Ende 2019 die Anzahl der Morde an sozialen Führungspersonen einen neuen Höhepunkt erreicht hatten. Laut Harald Pombo, einem Sprecher der indigenen Nasa, seien die Anzahl Morde nicht zurückgegangen, sondern die grossen Medien würden einfach nicht darüber berichten. Francisco Barbosa, Berater des Präsidenten in Sachen Menschenrechte und internationale Angelegenheiten, betonte, dass es kein System hinter den Morden an Aktivisten gäbe. Indepaz und andere Nichtregierungsorganisationen betonen hingegen, dass die wichtigsten Gründe für die Morde in Auseinandersetzungen betreffend Landfragen, Bergbau und Ersatz des illegalen Koka-Anbaus zu finden sind.

https://amerika21.de/2020/01/236442/kolumbien-morde-aktivisten-2020?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=daily

https://www.contagioradio.com/la-muerte-se-apodera-de-puerto-guzman-8-asesinatos-en-dos-semanas/

https://www.contagioradio.com/asesinato-de-hernando-herrera-y-john-fredy-vargas-enlutan-al-pais/

http://www.indepaz.org.co/paz-al-liderazgo-social/

Anerkennung von Opfern der Staatsgewalt:

Die Direktion gegen Menschenrechtsverletzungen der Generalstaatsanwaltschaft erklärte die Ermordung von Jorge Adolfo Freytter Romero, Professor an der Universität Atlántico, vom 28. August 2001 zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In den Mord verwickelt waren Mitglieder der GAULA (Spezialeinheit des Militärs zur Befreiung von Kidnapping-Opfern), der Polizei wie auch der AUC (paramilitärische Gruppe). Diese Erklärung bedeutet laut Freytters Sohn einen Schritt in Richtung Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nicht-Wiederholung und zeigt eine Anerkennung der Opfer durch Staatsgewalt; speziell Akademiker und kritische Denker. Zwischen 2000 und 2019 wurden laut mehreren Quellen 140 Morde und Entführungen an StudentInnen, GewerkschafterInnen und ProfessorInnen verübt. Dieser Fall wird somit als Präzedenzfall für weitere Fälle gelten.

https://www.contagioradio.com/fallo-lesa-humanidad-justicia-verdad-freytter-romero/

Neuer Direktor des Centro de Memoria:

Am 14. Januar wurde José Antequera Guzmán neuer Direktor des Centro de Memoria. Gleichzeitig wurde auch Vladimir Rodríguez Valencia zum neuen leitenden Berater für Opferrechte, Frieden und Versöhnung ernannt. Claudia López, die neue Bürgermeisterin von Bogotá, erklärte, dass sie mit diesen Ernennungen zeigen will, dass Bogotá als Hauptstadt dem Frieden und der Wiedergutmachung verschrieben ist. Die beiden jungen Männer hielten in ihren Antrittsreden starke Diskurse über Einigkeit, Erinnerung und Zukunftsperspektiven. López stellt somit einen Kontrast zu ihrem Vorgänger Peñalosa dar, der den Friedensvertrag nicht einmal in seinem Entwicklungsplan eingebunden hatte. López hingegen sagte, die Neubesetzungen mit Rodríguez und Antequera seien eine Einladung dazu, Bogotá in einen Ort zu verwandeln, wo die Erinnerung an diejenigen, die nicht mehr sind, geehrt, und die Hoffnung, von denen, die jetzt sind, genährt wird.

https://www.contagioradio.com/bogota-compromete-con-memoria-para-la-paz-y-la-reconciliacion/

IV.  Tipps und Hinweise

Ask-Menschenrechtsgottesdienste

8./9.2.20 Pastoralraum Kriens: Sa 17:00 und So 11:00 Uhr              Julia Erazo

9.2.20 St. Martin Thun: So 11:00 Uhr                                                           Lisa Alvarado

Am 2. Advent und zu anderen Zeiten werden zum UNO-Menschenrechtstag (jeweils 10. Dezember) Menschenrechtsgottesdienste gefeiert. Es gilt das Evangelium aus dieser harten Realität heraus zu deuten und Hoffnung zu schöpfen für das weitere Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung weltweit und im Besonderen in Kolumbien.
https://www.askonline.ch/veranstaltungen/ask-menschenrechtsgottesdienste

Kolumbien-Seminar mit zwei VertreterInnen des CRIC

3.-5. April 2020

ABC Bildungs- und Tagungszentrum in Hüll (Drochtersen / Nähe Hamburg)

Die Gewalt im Cauca ist in den letzten Monaten sehr eskaliert. Insbesondere die Vertreter*innen des CRIC (indigene Bewegung des Cauca) und anderer Organe der Selbstorganisation werden bedroht  –  es gibt viele gewalttätige Übergriffe und Morde. Doch die Bewegung leitest mutig Widerstand und setzt sich gegen die Anfeindungen zur Wehr.

Zusammen mit dem COMUNDO-Mitarbeiter Jonas Rüger, der als EZ-Mitarbeiter den unterstützt, werden Noelia Campo (Vorstandsrat CRIC) und Albeiro Camayo (Regionalkoordinator von „Guardia Indígena“) zu Gast sein.

Wir werden also aus erster Hand über die bemerkenswerte Selbstorganisation der indigenen Gemeinschaften im Cauca, ihren Kampf um Autonomie, Kultur und Land und über die aktuelle Situation im Cauca erfahren.

Eine Einladung mit konkretem Programm wird in Kürze auf https://www.abc-huell.de/ veröffentlicht. (Übersetzung / Dolmetschen vorhanden)

V.   Lesenswerte Artikel

–       Nähmaschine statt Gewehr – vom schwierigen Weg aus dem Guerillakampf: https://www.npla.de/thema/memoria-justicia/naehmaschine-statt-gewehr-vom-schwierigen-weg-aus-dem-guerillakampf/

–       EPM kriegt Busse wegen Umweltverschmutzung durch Hidroituango: https://www.elespectador.com/noticias/medio-ambiente/anla-inicia-proceso-sancionatorio-ambiental-por-emergencia-de-hidroituango-articulo-898606

–       Die Beerdigung des Río Cauca: https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/rio-cauca-in-kolumbien-palast-der-traenen-li.5167

–       Interview mit Maria Emma Wills über die JEP: https://www.eltiempo.com/justicia/jep-colombia/por-que-es-importante-la-jep-para-la-politologa-maria-emma-wills-453158

–       Kleinbauern vertreiben Plantagenbesitzer und fordern ihr Land zurück in Caño Manso: https://www.contagioradio.com/en-cano-manso-la-dignidad-enfrenta-al-despojo/

–       Wie die Allianz von Konzernen und Paramilitärs funktioniert: https://amerika21.de/2020/01/236752/kolumbien-paramilitarismus-konzerne?pk_campaign=newsletter&pk_kwd=weekly En español: http://www.colombiainforma.info/empresas-y-paramilitares-alianza-para-asesinar-a-lideres-y-lideresas-sociales/

–       Meinungsartikel zum PNIS von Camilo González Posso: http://www.indepaz.org.co/wp-content/uploads/2020/01/HACER-TRIZAS-EL-PLAN-DE-SUSTITUCIO%CC%81N.pdf

–       Hauptmann Alfonso Romero Buitrago vor der JEP: https://www.contagioradio.com/alfonso-romero-buitrago-el-capitan-que-le-apuesta-a-la-verdad/

 

Redaktion: Lisa Alvarado