[kolumbienaktuell-ask] Newsletter No. 604

Die Corona-Pandemie geht weiter, aber trotzdem hat sich so etwas wie ein neuer Alltag eingestellt. Andere Themen werden wieder – auch dank der Corona-Pandemie – wichtig. So die Rassismusdebatte, die nach dem Tod von George Floyd in den USA entbrannt ist. Eine Debatte, die schon lange schwelt, jetzt aber in der aktuellen Situation endlich zum Ausbrechen gelangt ist. Eine Debatte, die natürlich auch in Kolumbien topaktuell ist. Währenddessen wird die Quarantäne in Kolumbien immer wieder verlängert, und es kommen Aufrufe von verschiedenen Seiten, dass die immer stärker werdende Gewalt während der Pandemie, sei dies gegen Menschenrechtsverteidiger, soziale Führungspersonen, ehemalige FARC-Mitglieder, Frauen oder Kinder, nicht in Vergessenheit geraten darf. Die Pandemie verdeckt vieles – so auch die Abholzung des Amazonas, worauf einige Politiker sogar aktiv setzen, oder die gewatsame Rekrutierung von Kindern durch illegale Gruppen! Dies darf nicht sein, deshalb schauen wir auch diesen Monat wieder genau hin und machen aufmerksam auf die Orte, wo es nicht so läuft wie es sollte. Nach einer Sommerpause werden wir Ende August unseren nächsten Newsletter verschicken.

I.  Artikel

Las Pavas – die Geschichte wiederholt sich

Der Prozess um die Hacienda Las Pavas ist einer der berühmtesten Landprozesse Kolumbiens mit einer Strahlkraft, die weit über die Grenzen Kolumbiens hinausreicht. Mehrere NGOs unterstützen die von Armut, Gewalt und Vertreibung bedrohten Bauernfamilien mit Projekten zur Verbesserung ihrer Lebensgrundlage, die Universidad Javeriana aus Bogotá leistet rechtliche Beihilfe. Seit fünfzehn Jahren ersuchen die 123 Familien, welche Mitte der 90er Jahre begonnen hatten das brach gelegene Land der Hacienda Las Pavas zu bewohnen und bewirtschaften, die rechtliche Anerkennung der von ihnen genutzten Parzellen. Trotz positiver rechtlicher Schritte für die Kleinbauern in Las Pavas, „Paveros“ genannt, und trotz ihrer Auszeichnung mit dem nationalen Friedenspreis kehrt die Gewalt immer wieder zurück nach Las Pavas, mit sich wiederholenden Mustern.

(Von Felicitas Fischer)

https://www.askonline.ch/themen/menschenrechte/las-pavas-die-geschichte-wiederholt-sich

Das kolumbianische Friedensabkommen – doch noch auf gutem Weg?

Das kolumbianische Friedensabkommen zwischen der Regierung und der FARC ist eines der umfangreichsten der Welt, und auch wenn im Moment manchmal das Leid und die Rückschritte Überhand zu nehmen scheinen, zeigt die jährliche Analyse des KROC-Institutes die Wichtigkeit auf, eine langfristige und vergleichende Perspektive einzunehmen. Doch trotz aller Positivität sehen auch sie die anhaltende Gewalt gegen soziale Führungspersonen und die fehlende Sicherheit für ehemalige FARC-Mitglieder als grosses Hindernis auf dem Weg zum Frieden.

(Von Lisa Alvarado)

https://www.askonline.ch/themen/frieden/das-kolumbianische-friedensabkommen-doch-noch-auf-gutem-weg

Das Menschenrechtskomitee der UNO in Genf verurteilt den kolumbianischen Staat wegen der Ermordung eines Gewerkschafters bei Coca Cola

Verurteilt wurde Kolumbien, weil der Staat es unterlassen hatte, strafrechtlich zu untersuchen, wer den Auftrag für den Mord am Gewerkschafter gegeben hat.

Nach der Ermordung von Adolfo Múnera in der Stadt Barranquilla, kam es zwar zur Verurteilung des Mörders zu 17 Jahren Gefängnis, aber es gab nie eine strafrechtliche Untersuchungen über die intellektuellen Täter, die Hintermänner und Nutzniesser der Tat.

(Von Stephan Suhner)

https://www.askonline.ch/allgemein/das-menschenrechtskomitee-der-uno-in-genf-verurteilt-den-kolumbianischen-staat-wegen-der-ermordung-eines-gewerkschafters-bei-coca-cola

Glencores Nachhaltigkeitsbericht nach wie vor ungenügend

Wenige Tage vor der Aktionärsversammlung vom 2. Juni 2020 veröffentlichte Glencore den 97-seitigen Nachhaltigkeitsbericht für das Jahr 2019. Zusammen mit zwölf weiteren Menschenrechts- und Umweltorganisationen hat die ask! in einem Communiqué ernsthafte Bedenken über die Glaubwürdigkeit dieses Berichts geäussert.

(Von Stephan Suhner)

https://www.askonline.ch/allgemein/glencores-nachhaltigkeitsbericht-nach-wie-vor-ungenuegend

II.Apropos

Strukturelle Vernachlässigung der Campesinos:

Laut Wissenschaftlern der Universidad Nacional leidet die kolumbianische öffentliche Politik seit der Mitte des 20. Jahrhunderts an einer Vernachlässigung der Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Obwohl immer wieder beteuert wird, dass der ländliche Raum gefördert werden soll um den Hunger zu reduzieren und die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erfüllen, wurde weder investiert noch die Ziele erfüllt. Im Rahmen der Corona-Pandemie hat sich die Vernachlässigung auf dem Land in gewissen Aspekten noch verschärft. Fabio Pachón, Professor für Agronomie argumentiert, es sei ein Paradox, dass die Regierung grosse Märkte und Zentren wie Corabastos im Süden Bogotas, wo die Bauern ihre Ware direkter verkaufen, schliesse, der Einkauf in Supermarktketten aber weiterhin erlaubt sei. Die Rolle der Bauern für die gesunde Ernährung und Versorgung der gesamten Bevölkerung werde verkannt. Auch auf dem Land war die Nahrungsmittelverteilung erschwert. Die Staatsanwaltschaft (Procuraduria) hielt fest, dass 89% der ländlichen Bevölkerung in Armut leben. Ausserdem würden nur 6 Mio. von 22 Mio. für die Landwirtschaft geeigneten Hektaren des Landes genutzt. Obwohl die Campesinos zwar vor kurzem das Erste mal als eigenständige Gruppe mit Rechten anerkannt wurden, sieht Pachón ihre Priorisierung in der Politik als schwierig. Als Beispiel nennt er den Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC, in dem im Punkt 1 sehr ähnliche Ziele wie bereits vor über einem halben Jahrhundert gesetzt wurden, und die bisher keine Chance in der Umsetzung hatten.

https://www2.contagioradio.com/segun-la-fao-el-covid-19-ha-afectado-al-87-del-campesinado-en-colombia/

Excombatientes in der Schusslinie:

Dreieinhalb Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens sind, je nach Zählweise, zwischen 195 und 212 ehemalige KämpferInnen der FARC umgebracht worden. Wie Francisco de Roux, Präsident der Wahrheitskommission festhält, ist dies so oder so eine Tragödie. Der Schutz derjenigen, die ihre Waffen abgegeben haben, ist essentiell für das langfristige Funktionieren des Friedens. Das Jahr 2019 war laut der UNO das gewalttätigste mit 77 Morden an Ex-Guerilleros. Zu den Ursachen wird die fehlende Präsenz des Staates in abgelegenen Gebieten des Landes gezählt. Allerdings ist es schwierig, einen einzelnen kriminellen Täter auszumachen, da die Umstände vielzählig sind. Einerseits werden Ex-FARC bedroht, weil sie sich für die Programme der freiwilligen Ersetzung von illegalen Pflanzungen (PNIS) einsetzen, andere setzen sich für die Formalisierung von Landtiteln ein, dort wo sie jetzt wohnen. Wieder andere werden von Guerilla-Opfern angegriffen als Form von Selbstjustiz und schliesslich ist es auch möglich, dass Dissidenzen, die Ex-FARC rekrutieren, Widerständige umbringen. Diese komplexe Bedrohungslage macht es sehr schwierig, die einzelnen Personen zu schützen. Die Gewalt hat aber definitiv einen politischen Hintergrund und der Unwille der aktuellen Regierung, etwas zum Frieden beizutragen, hilft der Situation sicher nicht. Der jährliche Bericht des KROC-Instituts zur Umsetzung des Friedensabkommens hält fest, dass die Schutzmassnahmen auf fragmentierte, unartikulierte und wenig partizipative Art umgesetzt werden.

https://www.eltiempo.com/justicia/delitos/segun-la-farc-van-212-asesinatos-a-exguerrilleros-urgen-medidas-509634

Abholzung im kolumbianischen Amazonas:

Zwischen Januar und April 2020 wurde gleichviel abgeholzt wie im ganzen letzten Jahr. In Zahlen gesprochen sind das 1.7 Mio. ha, oder fünfmal die Fläche von Medellín und Umgebung, die in den letzten Monaten verschwunden sind. Jede einzelne dieser Hektaren kann bis zu 6000 Tier- und Pflanzenarten beinhaltet haben. Das ist vor allem bedenklich wenn man die jahrelangen Bemühungen von Umweltorganisationen und Millionenbeträge an Spenden betrachtet, die in die Rettung des Regenwaldes fliessen. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon ist sicher die fehlende Präsenz des Staates in solch abgelegenen Gebieten und somit das Gesetz des Stärkeren, das gilt. Ausserdem unterstützt die Regierung korporative Interessen von Viehzüchtern und extraktive Projekte zum Ressourcenabbau. Die Armee, die eigentlich eine Schutzfunktion für den Waldes einnehmen sollte, konzentriert sich ausschliesslich auf die gewaltsame Ausrottung von Kokapflanzungen. Dies trägt weiter zur Kriminalisierung der lokalen Bevölkerung bei. Dabei sind die Kleinbauern, Indigenen und Afrokolumbianerinnen, die hauptsächlich in diesen Gebieten leben, bestimmt nicht die Hauptschuldigen an der Abholzung.

https://www.contagioradio.com/amazonia-deforestacion/

Gewaltsame Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen:

In einer ausführlichen Analyse zeigt Semana auf, wie die gewaltsame Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen in letzter Zeit zugenommen hat. Dies hat mit der COVID-19 Krise und daraus folgend der eingeschränkten Mobilität zu tun. Die Kinder, die normalerweise in der Schule gewisse Sicherheit haben, müssen zuhause bleiben und sind mehr ausgesetzt. Die Analyse zeigt, wie Kinder im ländlichen Raum mit falschen Versprechungen und Geld zu den bewaffneten Gruppen gelockt werden und im urbanen Raum teilweise sogar unter Drogen gesetzt und davon abhängig gemacht werden, damit sie kooperieren. Semana beschreibt das Beispiel zweier Mädchen der indigenen Embera Katio, die vom ELN rekrutiert wurden, die jüngere der beiden erst 12 Jahre alt. Als die Gemeinde ins ELN Lager marschierte, um die Mädchen zurückzuverlangen, wurden sie als Spione der Armee beschimpft und schliesslich ohne die Mädchen unter Beschuss aus dem Lager gejagt. Der Gemeindeführer sagte aus, dass sie öfters vom ELN bedroht werden, da sie alle Kinder, die aus den Guerillalager fliehen, aufnehmen. In den letzten Jahren seien dies mindestens 20 gewesen.

Die höchsten Rekrutierungsraten werden in den Departementen Antioquia, Valle del Cauca, Cauca, Nariño, Cesar und Chocó verzeichnet, aber die Praxis ist im ganzen Land verbreitet, sowohl von Guerilla wie auch paramiliärischen und anderen illegalen Gruppierungen.

https://www.semana.com/multimedia/multimedia/reclutamiento-infantil-en-colombia-historias-de-ninos-y-ninas/682642

III.  Tipps und Hinweise

Medienmitteilungen zur Edelmetallbranche und dem Weltdrogentag

Diesen Monat hat die ask! zwei Medienmitteilungen zu aktuellen Themen verfasst oder mitgetragen. Diese sind auf der Webseite unter folgenden Links zu finden:

https://www.askonline.ch/allgemein/gravierende-luecken-bei-der-kontrolle-von-edelmetallen

https://www.askonline.ch/feature/weltdrogentag-eine-perspektive-aus-dem-sueden

The Price of Gold

Steve Cagan, ein US-Fotograf, hat vor kurzem ein e-book über den zerstörerischen illegalen Goldabbau im Chocó veröffentlicht. Steve arbeitet seit Jahren als Fotograf unter anderem im Chocó zu illegalem Goldabbau und hat dabei auch mit der NGO Tierra Digna zusammengearbeitet. Die ask! hat Steve in Kolumbien kennen gelernt und seine Fotos auch schon verwenden dürfen. Wir möchten sein Buch wärmstens empfehlen.

https://www.askonline.ch/allgemein/e-book-ueber-illegalen-goldabbau-mit-schweren-maschinen-im-choco

Petitionslancierung LafargeHolcim

In diesem Fall geht es zwar nicht um Kolumbien, aber wenn Konzerne wie LafargeHolcim ein Dorf mit Feinstaub vergiften, dann sollen sie auch dafür geradestehen. Genau das fordert die Konzernverantwortungsinitiative. Der Bundesrat hat die Abstimmung über die Initiative definitiv auf den 29. November angesetzt. Es bleiben also nur noch wenige Monate, um die Bevölkerung von einem Ja zu überzeugen. Wir von der ask! freuen uns, wenn möglichst viele die Petition unterschreiben:

http://www.konzern-initiative.ch/petition-unterschreiben/

IV.      Lesenswerte Artikel

–       Eine Geschichte von Vertriebenen in Montebello, Antioquia: http://www.ipc.org.co/agenciadeprensa/index.php/2020/06/16/la-galleta-el-laboratorio-de-paz-que-no-pudo-ser/ 

–       Verstrickungen der Regierung mit dem Drogenhandel: https://www2.contagioradio.com/marta-lucia-ramirez-y-otros-escandalos-del-narcotrafico-en-el-gobierno-duque/

–       Die Rolle von Kindern und älteren Menschen in Zeiten der Pandemie: https://www2.contagioradio.com/lecciones-desde-el-territorio-la-importancia-de-ninos-y-ancianos-en-medio-de-la-pandemia/

–       Artikel über die Umsetzung des Punktes 4 des Friedensabkommens: https://lasillavacia.com/silla-llena/red-paisa/trabajo-y-76455

–       Verbindungen zwischen Paramilitarismus, Drogenhandel und traditionellen Eliteclans in der Karibikregion: https://razonpublica.com/lo-detras-la-nenepolitica/

–       Die Sicht eines seit 2 Jahren inhaftierten Sozialaktivisten: https://www.npla.de/thema/repression-widerstand/nach-731-tagen-haft/

–       Interview mit dem Verhandlungsführer der ELN in Kuba: https://amerika21.de/blog/2020/06/240977/kolumbien-eln-beltran-interview

–       Analyse der Beziehungen zwischen Kolumbien, Venezuela und den USA: https://www.revistaciendiascinep.com/home/era-de-pandemia-retos-para-la-diplomacia-de-colombia-y-venezuela/

 

 

Redaktion: Lisa Alvarado