Humanitäre Zonen gegen Gewalt in Kolumbien

Ökumenischer Rat der Kirchen

Sie heißen Pueblo Nuevo (neues Dorf), Bella Flor (schöne Blume), Nueva Esperanza (neue Hoffnung), El Tesoro (der Schatz). Namen, die klar zum Ausdruck bringen, was die „humanitären Zonen“ für ihre Bewohner bedeuten. Hunderte gewaltsam vertriebener Familien aus ländlichen Gebieten Kolumbiens versuchen hier, ihr Leben neu aufzubauen, und fordern gleichzeitig die Rückgabe ihres Landes.

Im Oktober 1996 wurden acht Bauern im Dorf Brisas de Virgen in der nordwestlichen Provinz Chocó von paramilitärischen Gruppen ermordet. Einige Familien flohen, andere blieben. Zwei Monate später fing das Morden an und Menschen verschwanden. Dutzende von Leichen trieben im Fluss Atrato.

Im Februar 1997 starteten die Streitkräfte die Operation Genesis mit dem erklärten Ziel, die linken Rebellengruppen zu vernichten. In der Gemeinde Riosucio dauerten die Angriffe tagelang. Wie der Name der Operation schon zum Ausdruck bringt, ging es darum, eine „neue Welt“ zu schaffen: eine Welt, in der die seit Generationen hier lebenden afrikanischstämmigen Kleinbauern, indigenen Bevölkerungsgruppen und Mestizen keinen Platz mehr hatten.

Für die Familien, die geblieben waren, begann der lange Weg der Zwangsvertreibung. Nach Angaben von Amnesty International mussten circa 6’500 Menschen aus 49 Dorfgemeinschaften der Gemeinde Riosucio fliehen. Die meisten von ihnen waren wochenlang zu Fuß durch die Wälder unterwegs. Viele starben auf der Flucht.

Enrique Petro und andere Führungspersonen gehören zu den Überlebenden. Anfang Dezember sprachen sie mit einem Team „Lebendiger Briefe“ vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), das sie in der humanitären Zone Las Camelias im Gebiet des Flusses Curvaradó besuchte, wo heute 18 Familien wohnen.

Lebendige Briefe sind kleine Besuchsteams, die im Rahmen der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt in verschiedene Teile der Welt reisen, wo Christen mit Gewalt konfrontiert sind und sich für den Frieden einsetzen. Ziel der Besuche ist es, die Solidarität der ökumenischen Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen und zu erfahren, wie die Menschen in den besuchten Gebieten sich den Herausforderungen stellen.

Das Team Lebendiger Briefe, das Kolumbien vom 6. bis 12. Dezember besuchte, hörte persönliche Erfahrungsberichte von Menschen, die im Lauf der Jahre bis zu 15 Zwangsvertreibungen miterlebt hatten. Die Betroffenen schilderten nicht nur, wie sie – vor allem durch staatliche und paramilitärische Gewalt – aus ihren Häusern vertrieben wurden, sondern auch wie ihnen ihr Land weggenommen wurde.

Geschäfte sind Geschäfte

Die Provinz Chocó ist für alle Konfliktparteien, die sich seit den 1960er Jahren bekämpfen – die Streitkräfte, zwei linke Rebellenbewegungen und rechte paramilitärische Gruppen –, von militärischer Bedeutung. Es grenzt an Panama, ist von Regenwald bedeckt und stellt eine Drehscheibe des Waffenhandels dar.

Die Region ist außerdem von großem wirtschaftlichem Interesse. Es gibt Planungen für den Bau eines Kanals, der eine Verbindung zwischen dem Karibischen Meer und dem Pazifischen Ozean herstellen würde, und einer Autobahn nach Panama. Außerdem ist das Gebiet reich an Mineralien, landwirtschaftlich nutzbaren Flächen und Holz und verfügt über eine große Artenvielfalt.

Die Folge ist, dass die hier lebende Zivilbevölkerung mit ihren – individuellen wie kollektiven – Rechtsansprüchen auf das Land, dessen Wert seit 1996 ums Zehnfache gestiegen ist, sowohl für die militärischen Akteure als auch für die Vertreter mächtiger Wirtschaftsinteressen zu einem Hindernis geworden ist.

Heute betreiben transnationale Unternehmen auf großen Teilen dieses Gebiets intensiven Ölpalmenanbau und Viehzucht.

„Wir haben gemerkt, dass hinter der Vertreibung von Kleinbauern ein ökonomisches Projekt steht, das den bewaffneten Konflikt als Vorwand nutzt, um den Menschen ihr Land wegzunehmen“, erklärte Pfarrer Christopher Ferguson, Vertreter des ÖRK vor den Vereinten Nationen und Mitglied des Teams Lebendiger Briefe. „Einige transnationale Unternehmen sind für das Leid dieser Gemeinschaften verantwortlich“, fügte er hinzu.

Neben dem Curvaradó-Gebiet und den Städten Bogotá und Barranquilla besuchte ein Teil des Teams Lebendiger Briefe die Stadt Trujillo in der Provinz Valle de Cauca im Osten des Landes. Trujillo ist vor allem bekannt für die Spirale der Gewalt, die von 1989 bis 1994 über 340 Opfer forderte. Aber das Morden und Verschwindenlassen von Menschen dauert bis heute an.

„Es hat mich zutiefst beeindruckt, wie die Angehörigen der Opfer es geschafft haben, ihr Leid in Widerstand zu verwandeln, indem sie für Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung eintreten“, betonte Bischof Aldo Etchegoyen von der Evangelisch-Methodistischen Kirche von Argentinien, der ebenfalls Mitglied des Teams Lebendiger Briefe war.

Zufluchtszonen und Widerstand

Schon seit 1999 haben einige der Vertriebenen in Curvaradó und der benachbarten Gemeinde Jiguamiandó versucht, mit Hilfe nichtstaatlicher Organisationen wie der Zwischenkirchlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden in ihre Heimat zurückzukehren.

2001 haben militärische und paramilitärische Angriffe zu neuen Vertreibungen geführt. Gleichzeitig wurden die ersten Ölpalmen auf dem Land der vertriebenen Gemeinschaften gepflanzt. Weniger als ein Jahrzehnt später ist der Regenwald einer „grünen Wüste“ aus Ölpalmen gewichen.

Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) forderte 2002, und erneut 2003, einen besseren Schutz für das Recht dieser Gemeinschaften auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Ab 2003 entstanden in Jiguamiandó die humanitären Zonen Pueblo Nuevo (90 Familien), Nueva Esperanza (47 Familien) und Bella Flor (30 Familien). Drei weitere in Curvaradó kamen ab 2006 hinzu, darunter El Tesoro und Las Camelias.

Diese humanitären Zonen sind klar abgegrenzte, von der Zivilbevölkerung bewohnte Gebiete, zu denen Bewaffnete jeglicher Couleur keinen Zugang haben sollen. Gruppen von Familien schützen sich hier gegenseitig gegen die Militarisierung und treten zugleich für ihre Rechte ein. Seit März 2005 werden diese Zonen auch von der CIDH unterstützt, die den kolumbianischen Staat um besonderen Schutz für diese Gebiete ersucht hat.

Nach den Worten der Organisation amerikanischer Staaten (OAS) bestehen in dieser Region weiterhin „illegale, bewaffnete Strukturen, die mit gesetzeswidrigen Geschäften verbunden sind“. Eine Antwort seitens Kirchen und ökumenischen Einrichtungen auf diese Bedrohung ist die ständige Begleitung der betroffenen Gemeinschaften.

Dies geschehe mit Hilfe von Freiwilligen – normalerweise zwei –, die mit den Familien in den humanitären Zonen lebten, erklärte der katholische Geistliche Alberto Franco von der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden dem Team der Lebendigen Briefe.

„Nach unserer Rückkehr wollen wir der ganzen Welt vom Schicksal dieser Kinder, alten Menschen und Witwen berichten, die uns erzählt haben, wie sie leiden und was sie verloren haben“, betonte Pfarrer Jorge Ziljstra, Regionalsekretär des Lateinamerikanischen Kirchenrates für die Karibik und Groß-Kolumbien. „Inmitten von Unsicherheit, Angst und Gefahren für Leib und Leben führen sie den Widerstand fort und kämpfen für Gerechtigkeit und Würde.“

ÖRK-Mitgliedskirchen in Kolumbien (auf Englisch):
http://www.oikoumene.org/?id=4736&L=2

Weitere Informationen: Juan Michel,+41 22 791 6153 +41 79 507 6363 media(at)wcc-coe.org

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Der Ökumenische Rat der Kirchen fördert die Einheit der Christen im Glauben, Zeugnis und Dienst für eine gerechte und friedliche Welt. 1948 als ökumenische Gemeinschaft von Kirchen gegründet, gehören dem ÖRK heute mehr als 349 protestantische, orthodoxe, anglikanische und andere Kirchen an, die zusammen über 560 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern repräsentieren. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche. Der Generalsekretär des ÖRK ist Pfr. Dr. Samuel Kobia, von der Methodistischen Kirche in Kenia. Hauptsitz: Genf, Schweiz.