Fragiler Etappensieg Die Embera Katio kämpfen gegen ein Bergbauprojekt der Muriel Mining Corporation

Alexandra Huck

Im Nordwesten Kolumbiens, im Grenzgebiet der Bundesstaaten Antioquia und Chocó, führten mehrere Dörfer der indigenen Bevölkerungsgruppe Embera Katio eine selbstorganisierte Befragung zum Bergbauprojekt Mandé Norte durch. Sie holten nach, was staatliche Stellen und das Unternehmen Muriel Mining Corporation entgegen ihrer Pfl icht versäumt hatten: die direkt Betroffenen selbst über das Großprojekt abstimmen zu lassen.

Eine junge Frau zieht eine kleine schwarze Plastiktüte aus ihrem bunten Wickelrock und öffnet sie vorsichtig. Sie bringt ein Stück Papier zum Vorschein, das beim Auseinanderfalten zu zerfallen droht. Es ist ihre Geburtsurkunde, ihr einziges Ausweisdokument. Der junge Mann, der am Tisch mit dem Schild „Chageradó“ sitzt und für die Abstimmung dieser Gemeinde bei der Volksbefragung zuständig ist, nimmt das Dokument entgegen und notiert Name, Alter und die Nummer des Dokuments. Währenddessen weist der Gemeindevorsteher von Chageradó die Frau auf die Tafel hin, auf der abgestimmt wird. Er übersetzt die dort angeschriebene Frage auf Embera: „Wollt Ihr, dass auf Eurem Gebiet im Rahmen des Projektes Mandé Norte die Mine erforscht und ausgebeutet wird?“ Viele der zur Abstimmung versammelten Embera Katio, vor allem Frauen aber auch viele Männer, sprechen wenig oder kein Spanisch, viele können nicht schreiben. Die junge Wählerin, die im Gesicht die traditionelle Bemalung der Embera trägt, hinterlässt ihren Fingerabdruck in der Wählerliste neben ihrem Namen, tritt zur Tafel und macht ihren Strich bei „Nein“.

GemeindevorsteherInnen aus 12 Dörfern haben für den 25. Februar in das Dorf Coredocito zur Abstimmung über das Minenprojekt aufgerufen. Im Hintergrund hüllt sich der Berg Cara de Perro in den Morgenstunden noch in Nebel. Die Schlangen vor den Wahltischen, die unter einem einfachen, mit schwarzer Plastikfolie gedeckten Dach stehen, sind lang. Von den 1251 aufgerufenen WählerInnen sind 798 gekommen und haben dafür Fußmärsche von vielen Stunden oder einem ganzen Tag auf sich genommen. Ihrer Tradition gemäß haben die Embera Katio das Abstimmungsverfahren festgelegt, auch Kinder ab zehn Jahren sind stimmberechtigt. Ohne eine einzige Ja-Stimme lehnen sie das Bergbauprojekt ab.

Die Gefahr des Minenprojektes ist aus Sicht der Embera Katio ganz offensichtlich, denn die Mine liegt auf dem für sie heiligen Berg Cara de Perro, den sie auf Embera Usa Kirandarra nennen: „Wir haben einen eigenen Gott, der heißt Cadadavid“, erklärt der Gemeindevorsteher José Joaquin Domicó. „Cadadavid hat den Embera diesen Berg gegeben, damit dort die Geister wohnen können, die Geister des Wassers, der Medizin, des Flusses, der Erde, der Tiere. Für uns ist der Berg der Ort, wo Tiere und Pfl anzen entstehen und von dort in die Welt, in unsere Region herunterwandern; Affen, Zainos, alle Tiere die wir in diesem Gebiet finden, kommen von diesem Berg herunter. Wenn wir diesen Berg zerstören, dann bleibt uns nichts.“ Gold wird unter Verwendung hochgiftiger Chemikalien abgebaut. Auf dem Cara de Perro entspringen die Flüsse Murindó und Jiguamiandó, an deren Flussläufen zahlreiche indigene und afrokolumbianische Gemeinden leben, für die der Fischfang aus dem Fluss eine wesentliche Nahrungsquelle ist. Die Vergiftung des Flusses hätte für sie katastrophale Auswirkungen. Beispiele dafür liefern Roger und Pedro aus Honduras, die in einem für den Abend der Befragung organisierten Treffen die Gemeindevorsteher über die Auswirkungen des Gold- und Silberabbaus im Siria-Tal informieren. Hier haben die Betroffenen unter anderem mit verschmutztem Wasser, Schwermetallvergiftungen und Missbildungen zu kämpfen.

Muriel Mining hat für das Projekt im Jahr 2005 Konzessionen erhalten. Abgebaut werden sollen Gold und Kupfer sowie das dabei anfallende Nebenprodukt Molybdän, das für Metalllegierungen benötigt und auch in der Ölverarbeitung verwendet wird. Laut einem Artikel in International Mining vom Oktober 2008 ist Muriel Mining in Besitz des US-Unternehmens Goldplata. Auch das englische Unternehmen Rio Tinto soll Anteile an Muriel Mining halten.

Am 30. Dezember 2008 wurden die Pläne des Minenunternehmens für die Embera Katio erschreckend konkret: Minenarbeiter sowie Soldaten wurden gesichtet. Auf dem Cara de Perro rodeten sie Bäume, wenige Tage später wurden Geräte, Geologen und weitere Soldaten eingefl ogen. Alarmiert zogen am 9. Januar dieses Jahres 638 Indigene sowie 50 AfrokolumbianerInnen aus den verschiedenen Gemeinden der Region auf den Berg. Sie ließen dafür ihre Häuser und Felder zurück und nahmen die damit verbundenen Verluste in Kauf.

Die GemeindevorsteherInnen der Embera Katio führten außerdem in Bogotá Gespräche mit der fürethnische Minderheiten zuständigen Abteilung des Innenministeriums. Begleitet von der christlichen Menschenrechtsorganisation Comisión Intereclesial Justicia y Paz nahmen sie dort die Version des Ministeriums zur Kenntnis: Dieses erkennt an, dass laut der von Kolumbien ratifi zierten ILO-Konvention 169, dem Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern, obligatorisch eine Befragung der Indigenen stattzufi nden hat, wenn auf ihrem Territorium ein Bergbauprojekt geplant wird. Dies sei jedoch ordnungsgemäß geschehen. Dokumente von Gesprächen zwischen Muriel Mining und Indigenenvertretern wurden vom Ministerium vorgelegt.

Die betroffenen Gemeinden bestreiten jedoch die Legitimität des Verfahrens sowie die der Unterzeichner. Es handelt sich um Vertreter der Indigenenräte aus dem Unteren Atrato (CAMIZBA) und aus Carmen del Darién (CAMICAD). Während die einen überhaupt nicht für die betroffene Region zuständig sind, haben sich die anderen nicht die Mühe gemacht, die tatsächlich betroffene Bevölkerung in die Beratungen einzubeziehen. Darüber entlädt sich am Abend nach der Abstimmung auch die geballte Wut der Emberafrauen: „Ich bin nicht damit einverstanden, dass diese fünf Gemeindevertreter, die in Carmen del Darién wohnen, sagen, sie seien diejenigen, die Entscheidungen treffen. Für mich, als Emberafrau, ist das nicht richtig. Dafür haben wir diese Leute nicht gewählt, sondern dafür, dass sie uns verteidigen, dass sie mit uns beraten. Aber so wie sie das gemacht haben verraten sie uns, sie liefern uns aus.“

In derselben Versammlung distanziert sich der Koordinator für indigene Angelegenheiten aus dem Munizip Murindó davon, dass seine Unterschrift als Zustimmung verstanden werden könnte: „Es gibt ein Dokument, in dem eine Unterschrift von mir auftaucht. Diese Unterschrift bedeutet aber nicht, dass ich womöglich das Unternehmen autorisiere, ins Territorium zu kommen. Als Staatsangestellter nimmt man manchmal an Treffen teil, und nur dafür habe ich unterschrieben.“ Einiges ist offensichtlich faul an der „vorherigen Beratung“, die Muriel Mining mit den Gemeinden durchgeführt und die das kolumbianische Innenministerium so akzeptiert hat. Immerhin hat die kolumbianische Ombudsstelle Defensoría den GemeindevertreterInnen gegenüber erklärt, dass sie die von Muriel Mining durchgeführte Beratung nicht für rechtmäßig hält.

Als am Tag nach der Befragung die Embera Katio begleitet von kolumbianischen und internationalen UnterstützerInnen auf den Cara de Perro steigen, zeugen nur die abgeholzten Gipfel sowie die verlassenen Hütten von der vorherigen Präsenz der Geologen und Soldaten. Für die Embera Katio bedeutet die Abholzung des kleinen Gebietes eine tiefe Wunde. Mit traditionellen Tänzen nehmen sie ihren heiligen Berg wieder in Besitz.

Die BefürworterInnen des Projektes Mandé Norte hingegen veröffentlichen am 2. März in der regionalen Tageszeitung El Colombiano eine Erklärung von Vertretern von CAMICAD und CAMIZBA. Sie beanspruchen, die legitimen Vertreter der Gemeinde zu sein und bescheinigen Muriel Mining, die notwendige vorige Beratung ordnungsgemäß durchgeführt zu haben. Der Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz sowie der internationalen Begleitorganisation Peace Brigades International wird vorgeworfen, sie wollten „die Gemeinde im Zustand von Elend und Armut halten, in dem sie derzeit leben“.

Eine Delegation der lokalen GemeindevorsteherInnen wird nach Bogotá fahren, um die Ergebnisse der Befragung dem Innenminister zu präsentieren, der sich inzwischen persönlich eingeschaltet hat. Dass das Bergbauprojekt allein durch das klare Nein der Befragung gestoppt wird, ist unwahrscheinlich, dafür sind die wirtschaftlichen Interessen zu mächtig. Auch haben die indigenen Gemeinden laut kolumbianischer Verfassung zwar das Recht auf Kollektivland, das bezieht sich jedoch nur auf die Oberfl äche, über die Ausbeutung der Bodenschätze darunter entscheidet die Regierung. Die ArbeiterInnen von Muriel Mining haben entgegen der Absprachen mit den Embera-Gemeinden einige Geräte in Verstecken auf dem Berg zurückgelassen, ein Hinweis darauf, dass sie zurückkommen wollen. Der Gemeindevorsteher Andrés Domicó gibt eine skeptische Einschätzung dazu ab, ob die Entscheidung der am 25. Februar durchgeführten Abstimmung respektiert werden wird: „Wir sind nicht sicher. Ich glaube als Unternehmen haben sie viel Geld, damit können sie noch mehrere unserer Gemeindevorsteher kaufen. Mit Geld kann man alles kaufen, mit ihrem Geld machen sie was sie wollen.“

Die Embera Katio leben zurückgezogen in einer Region, die nur nach mehrstündigen Fußmärschen erreichbar ist. Bei der Befragung wird zwar ihre große Entschlossenheit deutlich, gegen das Bergbauprojekt vorzugehen, zugleich wirken sie jedoch verletzlich im Kampf gegen die Interessen eines großen Bergbauunternehmens. Auf die Frage, was sie Muriel Mining sagen würde, wenn sie dazu Gelegenheit hätte, antwortet Inigna Domicó, eine der Embera Katio, die Haus und Hof zurückgelassen hatte um den Cara de Perro zu besetzen: „Sie sind so daran gewöhnt, mit Geld zu leben. Wir sind es nicht gewohnt mit viel Geld zu leben, sondern uns aus der Natur zu ernähren. Wenn ich Spanisch sprechen könnte, dann würde ich den Herren Invasoren sagen, dass sie aufhören sollen, uns auf unserem Territorium zu belästigen. Wir gehen auch nicht in ihr Haus und belästigen sie. Warum fügen sie unserem Leben Schaden zu? Sie sind so sehr daran gewöhnt, mit Geld zu leben, dass sie denken, dass auch wir vom Geld leben werden. Aber Geld hat nicht so viel Bedeutung, es wird eine Epoche kommen, in der das Geld zu Ende geht. Unser Land, das Territorium wird jedoch immer da sein.“

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erschienen in den Lateinamerika Nachrichten, Nummer 418 – April 2009
quelle/fuente: http://lateinamerikanachrichten.de/?/archiv/ausgabe/418.html