„Der größte Erfolg ist, dass wir nach 10 Jahren immer noch gemeinsam auf unserem Land sind“

Alexandra Huck, kolko e.V.

Zehn Jahre nach der Rückkehr haben die Menschen im Cacarica –Becken im Nordwesten Kolumbiens viel erreicht – aber auch Sorgen wegen der geplanten panamerikanischen Überlandstraße durch ihr Gebiet.

Es ist früh am Morgen und noch ist es nicht so drückend heiß in „Nueva Esperanza en Dios“. Die Männer nutzen diese Stunden, um zu ihren Feldern zu gehen, wo sie mit der Machete Gebüsch und Unkraut beseitigen, um den Acker vorzubereiten. Im Februar ist das Land trocken. Ab April kann mit Regen gerechnet werden, dann soll der Boden für die Aussaat bereit sein. In abgetragenen Shirts und Hosen, die als Arbeitskleidung dienen, mit Gummistiefeln, dem Buschmesser und einer großen Plastikflasche voll Trinkwasser gehen die Männer, meist afrokolumbianischer Herkunft, zwischen den Holzhütten des Dorfes und grüßen nach rechts und links.

Viele Frauen finden sich derweil an den Brunnen ein. Ein Eimer an einer Schnur wird in das 3 Meter tiefe Brunnenloch geworfen und so wird nach und nach ein Bottich gefüllt. Aus diesem schöpfen die Frauen mit kleinen Schalen das Wasser und spülen damit Geschirr, waschen Wäsche und duschen die kleinsten Kinder. Im Winter – in Kolumbien ist damit die Zeit gemeint, wenn es reichlich regnet – ist das alles einfacher, weil dann am Fluss gewaschen werden kann und die Frauen sich nebenbei durch ein Bad erfrischen können. Doch jetzt ist der Peranchito, ein Seitenarm des Cacarica, nur ein dürftiges Rinnsal. Kaum zu glauben, dass es in ein paar Monaten wieder möglich sein wird, mit den Booten auf dem Peranchito bis zum Dorf zu fahren.

Die Erinnerung an die Vertreibung ist wach

Doch obwohl Wasser jetzt im Sommer knapper ist, haben die Menschen in Nueva Esperanza viel mehr davon als damals vor 10 Jahren in Turbo, im Flüchtlingslager. Drei Jahre hatten Männer, Frauen, Kinder in den elenden Lagern ausgeharrt, wo es an allem fehlte: Nahrung, Wasser – und vor allem auch an Schutz vor weiterer Verfolgung. Im Februar 2010 sind es dreizehn Jahre, die seit der Vertreibung vergangen sind und zehn Jahre, seit die Menschen aus dem Elend der Flüchtlingslager wieder an die Flusslandschaft des Cacarica, auf ihr Land zurückgekehrt sind. Dennoch können sich die meisten noch genau an die Vertreibung erinnern. „Der Mais stand trocken und war reif zur Ernte, als wir fliehen mussten. Das alles haben wir verloren, genauso die Tiere, die Schweine und Hühner, die wir zurücklassen mussten“, berichtet Doña Dora [1]. „ Diese meine Tochter“, erzählt Manuel und deutet dabei auf eine junge Frau, „war gerade fünf Jahre alt, als wir geflohen sind und hat ständig geweint und etwas zu Essen verlangt. Den eigenen Hunger hätte ich ertragen, aber es war furchtbar, dass ich nichts hatte, was ich ihr zu essen geben konnte.“

Mit brutaler Gewalt drangen bei der sogenannten Operation „Genesis“ die kolumbianischen Streitkräfte zusammen mit Paramilitärs im Februar 1997 in das Cacarica-Becken und drohten den Menschen: Sie hätten drei Tage Zeit, die Region zu verlassen, sonst würden sie getötet. Sie ermordeten Marino Lopez, mit seinem abgeschlagenen Kopf spielten sie vor den Augen des Dorfes Fußball. Tausende rafften zusammen, was sie tragen konnten und flohen. Die meisten kämpften sich bis in die Stadt Turbo durch. „Auf dem Weg konnte man immer wieder Töpfe, Kleidung oder Reis finden, weil die Menschen nicht ihre Kinder und die ganze Last schleppen konnten und nach und nach alles zurückließen“, berichtet Doña Dora.

Auch im Flüchtlingslager in der Stadt Turbo waren die Menschen nicht in Sicherheit, immer wieder wurden Gemeindemitglieder in Turbo und der Umgebung umgebracht, die GemeindeführerInnen lebten unter ständigen Drohungen. Dennoch ließen sie sich nicht aufhalten. Die Flüchtlinge organisierten sich, gaben sich Regeln und Prinzipien: Selbstbestimmung, Leben und Würde sollten ihre Ziele sein. Die Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz stand in vielem mit Rat und Tat zur Seite. Die afrokolumbianischen Gemeinden hatten in Cacarica inmitten des Urwaldes Landwirtschaft betrieben, verfügten aber über wenig Schulbildung und politische Erfahrung. In Verhandlungen mit den Vertretern der kolumbianischen Regierung kann das verhängnisvoll sein. Zumal die Menschen aus Cacarica noch keine schriftlich verbrieften Landtitel besaßen – der Prozess zu deren Ausstellung war gerade im Gange, als die Vertreibung in jäh zu Ende brachte.

Harte Rückkehr inmitten des Krieges

Im Jahr 2000 kehrten nach langem Ringen die Menschen aus 23 Dörfern im Cacarica-Becken auf ihr Land zurück. Zäh hatten sie vorher mit der Regierung über die Bedingungen der Rückkehr verhandelt. Neben Sicherheitsgarantien hatten sie vor allem darauf beharrt, nur mit dem schriftlichen Landtitel in der Hand zurückzukehren. Die erste Zeit war hart: die Dörfer und die Landwirtschaft mussten wieder neu aufgebaut werden. In der Zwischenzeit war die Gemeinde auf die humanitäre Hilfe angewiesen – und die kam immer wieder zu spät und war unzureichend. Die Menschen mussten in wenigen Häusern zusammengepfercht leben bis weitere Häuser gebaut waren. In drei Jahren hatte sich der üppige und scheinbar grenzenlos fruchtbare Urwald der Dörfer bemächtigt, Moskitos stachen Tag und Nacht. Dennoch arbeiteten die Zurückgekehrten freudig und hart, um sich möglichst bald wieder selbst versorgen zu können.

Trotz der vielen Härten war diese Rückkehr eine Sensation: 250 Familien kehrten drei Jahre nach der Vertreibung auf ihr Land zurück, mit dem Landtitel in der Hand, mit Zusagen für humanitäre Hilfe und Zusagen für Sicherheitsgarantien. Dass Vertriebene ihre Landrechte gegenüber den Vertreibern durchsetzen schien in Kolumbien so wahrscheinlich wie dass das Wasser bergauf zu fließen beginnt. Zehn Jahre später hat sich die Versorgung deutlich gebessert: von der Feldarbeit bringt Daniel heute eine große Maniok-Wurzel mit, an anderen Tagen ist es eine ganze Staude mit Kochbananen. Im Dorf selbst wachsen Ananas, Papaya und Kokospalmen, dazwischen laufen Hühner und am Dorfrand ist die Weide, auf der Kühe grasen. Auch der Fischfang ist wieder ein wichtiger Teil der Ernährung.

Die Frage, was denn 10 Jahre nach der Rückkehr die größten Erfolge sind bringt das Gesicht von Jesús, einem der Gemeindesprecher, zum Strahlen: „Der größte Erfolg ist, dass wir hier sind, auf unserem Land. Das war nur möglich Dank der Arbeit in Turbo, die Monate, Wochen, Tage und Minuten der Vorbereitung auf die Rückkehr, die Arbeit an unserer Organisation und den Prinzipien hat möglich gemacht, dass wir hier auf unserem Land sein können.“ Die Frauen heben auf einer Versammlung hervor, dass allen vor zehn Jahren bewusst war, dass die Rückkehr inmitten des Krieges stattfindet. Luz Dora betont: „Ein Erfolg ist, dass wir am Leben sind, dass wir unser Land bearbeiten können und dass wir den Landtitel für die 103.000 Hektar Land bekommen haben. Der Titel macht es für große Unternehmen schwer, hier Fuß zu fassen, denn unser Land ist Gemeindeland, und damit ist es unverkäuflich nach dem Gesetz Nr. 70“.[2] Mariela ergänzt: Es ist ein Erfolg, dass wir weiter für unser Modell der humanitären Zonen (in denen bewaffnete keinen Zutritt haben, Anm. d. Red.) kämpfen und dass wir unser Gewissen nicht verkauft haben.“

Neue Sorgen durch Großprojekte

Beide spielen auf die derzeitigen Sorgen der Gemeinde an: Unternehmer kommen und machen Vorschläge für scheinbar lukrative Geschäfte. Die Kleinbauern sollen auf ihrem Land Minibananen oder andere Güter für den Export anbauen. Doch wieder droht die Gefahr, dass die Menschen übervorteilt werden, weil sie wenig Wissen und Erfahrung für solche Verträge mitbringen. Oft enden vollmundige Versprechungen dieser Art in der Region damit, dass die ehemals selbständig arbeitenden Kleinbauern als schlecht bezahlte Arbeiter auf ihrem eigenen Land arbeiten, das durch die intensive Nutzung mittelfristig ausgelaugt und unbrauchbar wird. „Während vor zehn Jahren vor allem militärischer Druck auf die Gemeinden ausgeübt wurde, ist es heute ein ökonomischer Druck, bei dem Unternehmen Projekte anbieten, die fälschlicherweise ‚Entwicklungsprojekte‘ genannt werden“, erklärt Mario. Mariela ergänzt: „Bei dieser so genannten Entwicklung wird nur das hervorgehoben, was gut für die Unternehmen ist, nicht das, was schlecht für die Gemeinden ist. Doch wenn sich hier Gemeindeführer solchen Projekten widersetzen, dann werden sie diffamiert, weil sie ihre Leute verteidigen.“ Manche sorgen sich, dass andere Gemeindemitglieder sich von den Versprechungen des schnellen Geldes verlocken lassen könnten.

Beunruhigt ist die Gemeinde außerdem über den Ausbau der „Panamericana“, einer Straße, die ganz Amerika von Kanada bis Argentinien verbinden soll. Nur noch 108 Kilometer fehlen. Dies Teilstück würde den Nationalpark „Parque de los Katíos“ ebenso durchqueren wie das Land der afrokolumbianischen Gemeinden. Kurz vor der Vertreibung 1997 hatte der damalige Präsident Ernesto Samper angekündigt, diesen Straßenabschnitt bald zu bauen. Die Gemeinde vermutet, dass sie vertrieben wurde, um den Weg für das Infrastrukturprojekt frei zu machen. Nachdem lange nichts passiert war, gibt es nun eine neue Dynamik: Seit November 2009 laufen die Ausschreibungen für Brückenbau und Umweltlizenzen, das lässt bei der Gemeinde die Alarmglocken läuten, sie bitten um internationale Solidarität, um sich vor unrechtmäßigen Eingriffen auf ihr Land zu schützen.

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Die wenigsten Erfolge gibt es zehn Jahre nach der Rückkehr jedoch im Kampf der Menschen, die Wahrheit über die Vertreibung bekannt zu machen und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Für die Würde und das Selbstbewusstsein der Flüchtlinge war es wichtig klarzustellen, wer die Täter und wer die Opfer sind, obwohl das den GemeindeführerInnen viele Drohungen einbrachte. Die Gemeinde hat immer deutlich gemacht, dass die Paramilitärs 1997 bei der Vertreibung mit den staatlichen Streitkräften aus der XVII. Brigade zusammengearbeitet haben. Im Februar 2010 jährt sich aber nicht nur die Rückkehr. Im Prozess gegen Rito Alejo del Río, den General der 1997 die an der Vertreibung beteiligte XVII. Brigade kommandierte, liefen am 24. Februar wichtige Fristen ab. Der Prozess gegen ihn droht zu scheitern, weil zu lange keine Anhörung durchgeführt wurde. Das ist schon der zweite Prozess gegen ihn, der in Kolumbien zu scheitern droht. „Wenn die Unwilligkeit der kolumbianischen Justiz so offensichtlich ist, dann haben wir bessere Chancen, im interamerikanischen Menschenrechtssystem schneller voranzukommen“, gewinnt Manuel dieser Enttäuschung eine positive Seite ab.

Bereits 2004 wurde eine Anklage gegen Rito Alejo del Río fallengelassen, wegen angeblich unzureichender Beweise. Die Menschenrechtsabteilung der Staatsanwaltschaft, die es gewagt hatte den Ex-General zu verhaften, wurde kurz danach vom neuen Generalstaatsanwalt Luis Camilo Osorio aufgelöst. Die begleitende Menschenrechtsorganisation Justicia y Paz erhielt Drohungen und wurde ebenso wie führende Gemeindemitglieder mit Strafprozessen wegen angeblicher Zusammenarbeit mit der Guerilla überzogen. Währenddessen war Ex-General del Río als Berater von Präsident Alvaro Uribe tätig. Die beiden kannten sich schon lange, denn als del Río Ende der neunziger General in der Region Urabá war, war Alvaro Uribe der Gouverneur des Bundesstaates Antioquia, in dem Urabá überwiegend liegt.

Aber auch die Mühlen des interamerikanischen Menschenrechtssystems mahlen langsam. Es greift nur dann ein, wenn der Rechtsweg im eigenen Land ausgeschöpft ist oder offensichtlich nicht funktioniert. Doch mit zäher Geduld haben Gemeinde und Justicia y Paz diesen Rechtsweg beschritten und nach jahrelangen Anstrengungen wird das Verfahren wohl demnächst von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission an den Interamerikanischen Gerichtshof weitergeleitet. Dann wird der Prozess zwar immer noch Jahre dauern. Eine Verurteilung ist dann jedoch schier unausweichlich – wenn nicht vorher die kolumbianische Justiz ein kleines Wunder geschehen lässt und die Täter im eigenen Land bestraft.