Kolumbien-aktuell No. 554 und Monatsbericht | Dezember 2015

Liebe Leserinnen und Leser

Mit einem Update zum Stand der Friedensverhandlungen und dem Monatsbericht zu einem Gesetzesentwurf, der den Zugang zu Land für Kleinbauerngemeinschaften erschweren würde, verabschieden wir uns im 2015 und wünschen einen guten Start ins neue Jahr!

Solidarische Grüsse aus der Redaktion!

I. Artikel

Abgeschlossenes Abkommen zum Umgang mit den Kriegsopfern 

Die Friedensverhandlungen auf Kuba schreiten weiter voran. Am 15. Dezember konnten die Delegationen nach eineinhalbjähriger Verhandlungsphase den Abschluss des Punktes „Umgang mit den Opfern“ bekanntgeben. Dabei wurde ein umfassendes System der Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung präsentiert. Die Kritik daran lässt nicht auf sich warten.

(Von Regula Fahrländer)

http://www.askonline.ch/themen/friedensfoerderung/friedensverhandlungen/abgeschlossenes-abkommen-ueber-den-umgang-mit-den-kriegsopfern/

II. Monatsbericht: Land für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen oder für InvestorInnen?

Kurz vor Weihnachten hat das kolumbianische Parlament innerhalb weniger Stunden das Gesetzesprojekt über die Sonderzonen für die soziale und wirtschaftliche ländliche Entwicklung (Zonas de Interés de Desarrollo Rural Económico y Social ZIDRES) verabschiedet. Für die Regierung sind diese Sonderzonen für die ländliche Entwicklung das beste Instrument für die landwirtschaftliche Entwicklung, die Produktivitätssteigerung und die juristische Sicherheit der GrundbesitzerInnen. Für Kleinbauernorganisationen, NGOs und den linken Polo handelt es sich um einen Angriff auf den verfassungsmässig garantierten Zugang zu Landbesitz für Campesinos und Campesinas, um eine Legalisierung unrechtmässiger Landakkumulation und um einen Schlag gegen den Friedensprozess.

(Von Stephan Suhner)

http://www.askonline.ch/publikationen/monatsberichte/land-fuer-kleinbauern-und-kleinbaeuerinnen-oder-fuer-investorinnen/

III.Apropos

Medienschaffende in Kolumbien leben gefährlich

Zwei neue Berichte weisen auf die desaströse Lage für Medienschaffende in Kolumbien hin. Einer davon ist vom Centro de Memoria Histórica. Laut diesem Bericht wurden in Kolumbien seit 1977 152 Medienschaffende umgebracht, weil sie ihrer Arbeit nachgingen. Dazu kommen unzählige Bedrohungen, Entführungen und andere Verletzungen ihrer Rechte.

Am 14. Februar wurde Luis Peralta Cuéllar im Caquetá ermordet, am 10. September Flor Alba Núñez im Huila und am 23. November Dorancé Herrera in Caucasia, Antioquia. Wie in der Mehrheit aller Fälle wurden auch diese drei Morde in abgelegenen Landesregionen verübt, just nachdem die JournalistInnen dabei waren, Geschichten aufzudecken, bei denen die Staatsmacht ausgenützt wird und mit Korruption und illegalen Gruppierungen in Verbindung steht. Flor Alba Nuñez beispielsweise hatte eben erst die Zusammenarbeit zwischen AuftragsmörderInnen und JustizbeamtInnen in ihrer Region enthüllt.

Kolumbien besetzt weltweit eine der schlechtesten Positionen bezüglich Meinungsfreiheit. Dazu summiert sich die Straflosigkeit. Von den 280 Verbrechen gegen Medienschaffende (182 Bedrohungen, 57 Körperverletzungen, 39 Ermordungen und zwei Entführungen) zwischen 2005 und 2014 kam es nur zu sieben Urteilen, 232 Fälle befinden sich erst in der der Untersuchungsphase. Nur in einem einzigen Fall wurde auch die Person, die den Mordauftrag erteilt hatte, verurteilt.

http://www.semana.com/nacion/articulo/la-prensa-amenazada-152-periodistas-han-sido-asesinados/452644-3

Die Farc bittet um Verzeihung für das Massaker von Boyacá

Am 6. Dezember 2015, 13 Jahre nach dem Massaker von Boyacá, reiste eine Delegation von Farc-KommandantInnen vor Ort, um an einem Gedenkanlass teilzunehmen. Der Anlass wurde vom Dorf selber und mit Hilfe der UNO organisiert. Die Farc übernahm die Verantwortung für das Massaker und entschuldigte sich erstmals am Ort der Geschehnisse dafür. Bei den Überlebenden baten sie um Vergebung.

Am 2. Mai 2002 fiel eine Bombe der Farc auf die Kirche von Bellavista im Chocó. Darin hatten Männer, Frauen und Kinder vor den Kämpfen zwischen Aufständischen und Paramilitärs Zuflucht gesucht. 79 Menschen starben, 48 davon waren Kinder. Über 100 Menschen wurden verletzt, 6‘000 flohen daraufhin aus ihren Häusern. Am Anlass kam auch erneut zur Sprache, wie die Paramilitärs die Kirche als menschliches Schutzschild benutzten und wie oft die DorfbewohnerInnen im Vorfeld der Ereignisse den Staat über die drohende Tragödie informierten und um Schutzmassnahmen baten. Eine Antwort seitens des Staates blieb aus. Diese Tatsache war Teil der juristischen Untersuchungen, welche am vergangenen 3. September die kolumbianische Nation für das Massaker verurteilte. Darin wurde festgehalten, dass die Verantwortung der Farc, der Paramilitärs, des damaligen Präsidenten Pastrana sowie der zuständigen Militärs zu untersuchen seien.

http://www.elespectador.com/noticias/politica/perdon-bojaya-farc-articulo-603910

Gewaltwelle in Tumaco

Mit einem öffentlichen Schreiben machen die Diözese von Tumaco, die Stadtverwaltung und andere Behörden auf die Gewaltwelle in ihrer Stadt im Südwesten Kolumbiens aufmerksam. Die Zunahme der paramilitärischen Präsenz und jene anderer Kriegsakteure hat alleine im Dezember zu 17 Morden geführt, darunter zwei Minderjährige, zwei Frauen und mehrere StudentInnen. Auch kommt es trotz Anwesenheit von Regierungstruppen zu Drohbriefen, namentlich von den paramilitärischen Gaitanistas, den Paísas und des Clan Usuga. Die Farc und die ELN sind auch vor Ort.

Laut der Opferbehörde (Unidad de Víctimas) wurden in Tumaco seit 1985 9056 Menschen ermordet, 109’167 mussten ihr Zuhause verlassen und 1157 Menschen wurden Opfer von erzwungenem Verschwindenlassen. Nun wird gefordert, dass ein Ministerrat vor Ort zusammenkommt und ernsthafte Untersuchungen zur Lage aufgenommen werden, sodass die Gewaltwelle nicht weiter zunimmt.

http://www.contagioradio.com/solo-en-diciembre-han-asesinado-a-17-personas-en-tumaco-articulo-18759/

IV. Tipps und Hinweise

La Buena Vida – Vorpremieren des Films

La buena vida erzählt vom Kampf der indigenen Wayúus um ihr Dorf Tamaquito im Nordosten Kolumbiens. Das Dorf wird vom Cerrejón, dem grössten Kohlentagebau der Welt bedroht, hinter dem die mächtigen Rohstoffkonzerne Glencore, Anglo Amercian und BHP Billiton stehen. Das gewaltige Loch mit einer Fläche von 700 Quadratkilometern frisst sich immer näher an ihre Siedlung heran. Doch die Wayúus wollen sich nicht kampflos umsiedeln lassen.

Zürich, Sonntag, 17. Januar, 11:00 Uhr im Riffraff

St. Gallen, Sonntag, 17. Januar, 17:30 Uhr im Kinok

Luzern, Montag, 18. Januar, 18:00 Uhr im Stattkino

Bern, Montag, 18. Januar, 20:30 Uhr im Kino Rex

Basel, Dienstag, 19. Januar, 18:30 Uhr im kult.kino atelier

Alle Vorpremieren mit anschliessender Diskussion mit dem Regisseur Jens Schanze.

www.askonline.ch/veranstaltungen

Redaktion: Regula Fahrländer

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